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Evolution Semantischer Systeme

Dr. Artmann, Prof. Beckstein, Dr. Dittrich, Prof. Hahn, Ch. Knüpfer, Prof. Küppers, Dr. Sack, Ch. Schäufler
Komplexe Systeme in Natur und Kultur verwenden Information, um ihre interne Organisation zu entwickeln und ihre funktionalen Mechanismen zu regeln. Ohne die Speicherung, Übertragung und Verarbeitung von Information wäre die Evolution von Komplexität unmöglich. Information hat immer eine semantische Dimension, die in Begriffen wie Bedeutung, Sinn, Referenz und Funktion beschrieben werden kann. Die Erforschung der Semantik muß daher eine entscheidende Rolle in der Analyse komplexer Systeme spielen. Komplexe Systeme sind immer auch semantische Systeme. Prinzipielle Fragen, die von einer allgemeinen Theorie semantischer Systeme beantwortet werden müssen, lauten: Was sind paradigmatische Beispiele für semantische Systeme? Gibt es universelle Prinzipien der Evolution und Organisation semantischer Systeme? Existiert eine strikte Abgrenzungslinie zwischen semantischen und nicht-semantischen Systemen, oder ist der Übergang zwischen beiden Arten von Systemen stetig? Impliziert das Verständnis der Evolution semantischer Systeme notwendigerweise eine Naturalisierung der Semantik? Wie sieht die Beziehung zwischen der Meta-Ebene und der Objekt-Ebene in Theorien der Evolution semantischer Systeme aus? 

Das vorrangige Ziel des Projekts "Evolution semantischer Systeme" ist der Aufbau einer entsprechenden interdisziplinären und internationalen Forschergruppe mit institutionellem Hauptsitz in Jena. Diese Forschergruppe soll die Entstehung und Entwicklung bedeutungstragender Strukturen in der Absicht untersuchen, eine allgemeine Theorie der Evolution semantischer Systeme zu erarbeiten, die sich vor allem auf computerbasierte Modellierungen stützt. Dabei sollen die Disziplinen der Philosophie, der Linguistik, der Kognitionswissenschaft und der Informatik eine initiierende Funktion übernehmen. Alle vier Disziplinen beschäftigen sich nicht nur von Hause aus mit der Analyse und Synthese semantischer Systeme, sondern sie bewegen sich auch von je her strukturwissenschaftlich zwischen den Geistes-, Natur- und Formalwissenschaften. Kristallisationspunkt der geplanten Forschergruppe ist eine zum Teil mehrjährige, interdisziplinäre Kooperation zwischen dem Institut für Philosophie (Prof. Dr. Bernd-Olaf Küppers, Dr. Stefan Artmann), dem Institut für Germanistische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Udo Hahn) und dem Institut für Informatik (Prof. Dr. Clemens Beckstein, Dr. Peter Dittrich, Dr. Harald Sack) der FSU Jena. 

Im Zuge dieser Kooperation wurde im Herbst 2007 ein internationales Symposion zum Thema "Evolution Semantischer Systeme" in Jena veranstaltet, das großzügig von der VolkswagenStiftung gefördert wurde. Auf diesem Symposion konnte das gemeinsame Projekt erstmals der Fachöffentlichkeit in kompakter Form vorgestellt werden. Es bot ein Forum, auf dem die eingeladenen, alle international ausgewiesenen Referenten über ihre Sicht auf die möglichen Beiträge der Strukturwissenschaften zu einer Theorie der Evolution semantischer Systeme Stellung nehmen konnten. Durch das Symposion und die Publikation seiner Resultate wird -- davon gehen übereinstimmend alle Organisatoren aus -- die philosophische und strukturwissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen der Semantik neue Impulse erhalten, die in der anschließenden kontinuierlichen Arbeit der Forschergruppe aufgegriffen und systematisch entfaltet werden sollen. Insbesondere das Problem des Zusammenhangs von Semantik und Pragmatik wurde durch das Symposion in seiner fundamentalen Bedeutung für das Verständnis des Bedeutungswandels in den unterschiedlichsten Bereichen deutlich hervorgehoben. 

Für die Erreichung des Projektziels spielte zudem ein weiterer Faktor eine entscheidende Rolle: In den Monaten vor dem Symposion entwickelten die Antragsteller die Idee, die Gründung eines Frege-Zentrums für Strukturwissenschaften in Jena zu betreiben, mit der Absicht, das Thema des Symposions zum Arbeitsgebiet des ersten Forschungsprojekts, das im Frege-Zentrum angesiedelt wird, weiterzuentwickeln. Während des Symposions konnte diese neue Entwicklung erstmals einer internationalen Forschergruppe vorgestellt werden. Die Gründung des Frege-Zentrums wurde dabei nicht nur einhellig begrüßt, sondern es fanden sich alle Teilnehmer, die von den Veranstaltern auf eine aktive Mitarbeit im Frege-Zentrum angesprochen wurden, zu einem solchen Engagement bereit. Das nun seit dem Frühjahr 2009 offiziell etablierte Frege-Zentrum kann daher bereits seiner Gründung eine interdisziplinäre und international renommierte Anzahl von Wissenschaftlern als Mitglieder aufweisen.